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Zwölfter Mann

Es ist die 90. Minute – Nachspielzeit 3 Minuten. Ich bin nervös. So nervös wie damals, als ich vor meinen pubertierenden Mitschülern ein Referat vortragen musste. Es kribbelt am ganzen Körper. So wie früher, als ich mich mit 13 zum ersten Mal alleine mit meinem Schwarm traf. Ich bin angespannt, schaue unruhig nach links und nach rechts. 60.000 Menschen die meinen Puls quasi hören können. Und ich weiß: es geht uns allen gleich. Dieser Moment, wir spüren ihn alle. Unsere Farben, weiß und rot, wehen an riesigen Fahnen über unsere Köpfe hinweg. Die Einlaufmusik ertönt, wir klatschen und singen, sobald die Chorero einsetzt. Trommeln und Gesang begleiten unseren Herzschlag, unsere roten Backen. Wir blicken auf den getränkten grünen Rasen und verfolgen unser Team mit Adlersaugen. Die weißen Trikots, umschlungen mit unserem Brustring, sind gezeichnet mit Erde und Dreck an jeder Faser.

Noch wenige Minuten. Sekunden. Schon in wenigen Augenblicken sind wir wieder erstklassig. 1 Jahr voller Kampf, Ehrgeiz, Schweiß und Tränen. Meine Gefühle in den Momenten unbeschreiblich. Ich fühle mich daheim. Es ist als hätte man plötzlich ganz viele Freundschaften, die seit Jahren bestehen. Ich sehe die selben Gesichter, alle zwei Wochen, immer und immer wieder. Man kennt sich, man hält Small-Talk. Man weiß, der junge Mann eine Reihe vor uns hat nun geheiratet. Er strahlt. Wie wir alle. Wir haben eine Leidenschaft, etwas, das uns verbindet.

Menschen sind unterschiedlich. Wir sind alle anders.
Laufen in verschiedene Richtungen, führen einen anderen Lebensstil.
Wir sind blond, braun, rot – haben verschiedene Facetten.
Vor unserem Herzen können wir es aber nicht verstecken,
die Leidenschaft für Fußball. Überall.

Die letzten 60 Sekunden schleichen durch das Publikum. Wir Fans, hoffnungsvoll. “Schiri, Foul!” – schreit es aus den Mengen. Durch die rote Trillerpfeife schrillt es ins Gemänge. Elfmeter! Rudelbildung auf dem Platz. Das ist unsere Chance. Die letzte. Der Kapitän tritt an – Ehrensache. Ich drehe mich um – will es nicht sehen. Will ich doch. Mach ihn rein – los Capitano. TOR! Die Kurve tobt, jubelt, Pappbecher gefüllt mit Bier fliegen gegen den Zaun. Wir haben es geschafft. Wir gehören wieder zu den 18 Besten. 60.000 Menschen vereint im Herzen. Jeder einzelne von uns ist der 12. Mann.

Die Atmosphäre in unserem ‘Wohnzimmer’ gleicht einem gigantischen Feuerwerk. Tausende Menschen singen im Chor. Funken sprühen von der Tribüne. Machtlos gegen die Gänsehaut, die den ganzen Körper einnimmt. Hier fühlt man sich frei. Ich fühle mich hier frei. Eine Erkenntnis, die ich alle 14 Tage wieder erfahren darf.
Hier liegt Magie in der Luft – für mich. Ein unsichtbarer Schleier.

Diese Momente übermitteln eine Botschaft, die wir mit bloßem Auge im Alltag nicht immer erkennen. Oder erkennen wollen. Wir sind gleich. Und doch Individuen. Wir sehen die Welt alle mit anderen Augen. Und doch bringt sie uns zusammen. Fußball ist mehr als nur Sport. Er bringt Menschen zueinander, die sich im wahren Leben nie angesehen hätten. Weil das Erscheinungsbild nicht passte. Weil wir unterschiedliche Typen sind. Und hier, im Stadion, auf dem Platz zwischen riesigen Flutlichtern, passiert etwas. Etwas mehr. Zusammenhalt und Respekt.

Menschen sind unterschiedlich. Wir sind alle anders.
Laufen in verschiedene Richtungen, führen einen anderen Lebensstil.
Wir sind blond, braun, rot – haben verschiedene Facetten.
Vor unserem Herzen können wir es aber nicht verstecken,
die Leidenschaft für Fußball. Überall.

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