Was würdest du tun, wenn Geld keine Rolle spielt?

“Geld allein macht nicht glücklich.”

Das sagt er plötzlich, nachdem wir minutenlang schweigend das Bild angesehen haben.
Ich denke kurz nach. Antworte. “Natürlich nicht – aber glaubst du nicht auch, dass dir Geld vieles im Leben erleichtern kann?”
“Doch doch, mit Sicherheit. Was würdest du denn tun wenn Geld keine Rolle spielen würde?”
Er sieht mich erwartungsvoll an. Ich trete einen Schritt zurück, fasse meine Worte gedanklich zusammen und erzähle. Erzähle ihm von meinen Wünschen und Träumen.
Irgendwie eröffne ich damit eine neue Ebene auf unserer Beziehung.

“Ich schätze, Geld macht uns abhängig.
Abhängig uns in vielerlei Hinsicht wohl zu fühlen. Sei es privat oder beruflich.
Im inneren weißt du, dass du viel mehr bist als die Angestellte im Supermarkt oder der Teamleiter in der Personalabteilung.
Du machst zwar deinen Job – und diesen machst du gut – aber in jedem Menschen schlummert etwas das raus will. Ein kleines, lebensfrohers Kerlchen, den du immer wieder in die Ecke drängen musst. Vielleicht schränken dich die fehlenden Mittel ein der Mensch zu sein, der du eigentlich bist. Oder gerne sein möchtest.

Eigentlich willst du keine Formulare ausfüllen, sondern in den armen Ländern mitanpacken. Du willst deine Hände schmutzig machen, dich in der Hitze verausgaben und abends versuchen die restlichen Spreißel aus deiner Haut zu ziehen.
Du willst Schulen bauen mit eigener Kraft und nicht jeden Monat deine Spende dafür einreichen. Mit Glück erfüllte Gesichter sehen und stolz darauf sein.
Aber du kannst es nicht, weil du dir nicht alles gleichzeitig leisten kannst. Flüge, Unterkunft, Verpflegung. Und dann noch die ganzen Ausgaben in der Heimat.

Vielleicht würdest du einem ganz anderen Job nachgehen, der nicht nur dein Job ist, sondern deine Berufung. Deine Leidenschaft.
Du hättest lieber Schauspiel studiert, Gesang oder eine private Schule für Leistungssport besucht. Aber auch dafür hat dein Geld nie ausgereicht. Obwohl du genau weißt wie gut du darin wärst.

Und ja vielleicht bist du auch jemand der sich nicht an einen Platz verankern möchte. Du willst die Welt sehen, am liebsten jeden Monat an einem anderen Fleck leben. Sprachen lernen, neue Kulturen erleben. Und neue Menschen, die dich mit ihren einzigartigen Geschichten jeden Tag aufs Neue faszinieren.”

Stille. Er sieht nur nach vorne auf das Gemälde. Nachdenklich irgendwie. Als hätte ich ihm gerade eine sehr wichtige Erfahrung geteilt. Er bleibt skeptisch und stellt mir eine Frage nach der anderen.
“Wäre es tatsächlich so toll sich das alles leisten zu können? Was passiert dann mit unseren Wünschen? Wo liegt unser Ansporn unser Träume zu verwirklichen, wenn wir sie uns einfach nehmen können? Verlieren wir dann nicht irgendwann die Lust am Leben, weil plötzlich alles so einfach erscheint?”

“Nein”, gebe ich zu, “es ist wichtig sich seine Träume zu erarbeiten um stolz auf sich zu sein. Um sich umso mehr zu freuen, wenn du diesen Punkt auf deiner Bucket List abhaken darfst. Dennoch könnten wir uns wesentlich freier entfalten, wenn wir nicht immer um drei Ecken denken müssten.
Es ist mit Sicherheit verlockend sich ohne WLAN der Natur hinzugeben ohne erreichbar zu sein.
Orientierungslos den Highway entlang fahren und irgendwo sein Zelt aufschlagen.
Nach Las Vegas zum falschen Eiffelturm reisen und warten bis das Visum verfällt.
Ja. Das wäre schön, wenn Geld keine Rolle spielen würde.”

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