Tuesdate Kolumne #8 // Outing ist out!

“Geh du ruhig schon mal vor, ich muss noch kurz telefonieren”, sagte er zu mir als wir uns schon kurz vor dem Eingang befanden. Ich sehe ihn an und schüttle den Kopf. “Nein!” – maule ich – “du kannst dich nicht ständig verstecken. Das muss einfach aufhören.” Wir blicken einander an und ich kann seine Verzweiflung förmlich spüren. Wie er da am Geländer steht, so hilflos. Möchte ihn am liebsten ganz fest rütteln und ihm klar machen, dass ich immer hinter ihm stehe. Neben ihm. Und wenn es sein muss auch vor ihm.

“Du weißt ganz genau was damals passiert ist”, kontert er und lässt mich zurück in die Vergangenheit reisen. Ich wollte diese Gedanken vergessen und den Schmerz von damals nie wieder empfinden. Aber nun ist alles was ich vor meinen Augen sehe dunkel und verschwommen. Die Nacht, in der wir ausgelassen feiern wollten, entwickelte sich zu einem Albtraum. Wir, angetrunken vom viel zu guten Wein, torkelten durch die dunklen Gassen. Nur noch wenige Meter trennten uns von der U-Bahn Station. Doch: Die Bahn fuhr ohne uns. Gerade als wir um die letzte Kurve bogen gerieten wir in eine Auseinandersetzung mit ein paar Jungs. Erst nur verbal, dann physisch. Habe nur noch Erinnerungsfetzen. Sehe Blut und einen gekrümmten Körper. Und dann erleuchtete die Nacht in Martinshorn-blau.
“Ich weiß”, gab ich nach, “aber wenn du dich versteckst wird es nie besser. Homosexualität ist kein Verbrechen! Das muss endlich jeder verstehen.”

Er sieht mich mit großen Augen an und blickt erschrocken in alle Richtungen. Das macht er immer. “Ssssh!” – hallt es dann aus seinem Mund.
Letztendlich bin ich alleine hinein gegangen. Zu unsere Freunden. Und zu dem Menschen, der ihn beinahe tot geprügelt hat. Freunde kann man sich aussuchen, aber die dazugehörigen Familienmitglieder leider nicht. B. ist ein guter Mensch. Und Freund. Sein Bruder leider nicht. Er war nicht immer so – nur, er hat sich falschen Kreisen angeschlossen. Wird laut, aggressiv und ist homophob. Homohob! Im 21. Jahrhundert. Ja, er hat sich entschuldigt – ich kann nicht zählen wie oft. Doch reicht eine einfache Entschuldigung bei so einem Vorfall aus? Wie viel Zeit muss vergehen, bis er sich wieder sicher fühlt. Draußen, in der Dunkelheit und auch tagsüber. Hat Angst, Schlafstörungen und wirkt verändert.

Wer gibt diesen Menschen das Recht zu urteilen? Warum sind diese Menschen so von Hass zerfressen? Wieso darf nicht jeder sein Leben gestalten wie er es für richtig hält?

Wir sind tolerant. Sagen wir. Dennoch wird noch so häufig die Frage “Bist du schwul?” gestellt. Zu häufig.
Wir sind tolerant. Denken wir. Dabei erwarten zu viele Menschen ein öffentliches Coming out.
Vor Freunden. Vor der Presse.
Ich stelle mich doch auch nicht vor die Menge und schreie “SCHAUT HER – ICH BIN HETERO!
Weil es egal sein sollte. Muss!

Wenn wir uns eines Tages von der Erwartungshaltung des OUTINGS entfernen, ja dann wird es vielleicht irgendwann besser. Sobald die Angst vor Gewalt und emotionalen Missbrauch verschwindet und bei der Prominenz der Medienrummel eingeschränkt wird, dann wird es eines Tages niemanden mehr interessieren welches Geschlecht man liebt. Ich hoffe auf die Zukunft, in denen alle auf die Frage zur sexuellen Orientierung nur lässig mit “cool” antworten.