Schubladendenken

Sie tut es. Ich tue es. Wir alle tun es irgendwann. Wir machen unsere Schublade auf, kramen etwas herum, stecken den Menschen in ein freies Fach und schieben die Schublade wieder zu. Meistens kleben wir dann noch ein Etikett an die Vorderseite, das dich immer wieder mit dicken, schwarzen Buchstaben daran erinnert, was für ein Mensch sich dahinter verbirgt.

Wir sind einfach gestrickt. Machen es uns zu leicht. Zu einfach. Wir begegnen wildfremden Menschen, sei es auf der Straße, beim Einkaufen oder bei der Arbeit. Wir erhalten nämlich nicht nur den Einlass-Stempel für den nächsten Club, sondern klatschen diesen einem völlig Fremden unvermittelbar auf die Stirn. Positiv oder negativ? Kennenlernen oder Ignorieren? Das entscheiden wir in sekundenschnelle. Unser Gehirn verfügt über ein ganz eigenes Ordnungssystem wie bei deinem PC. Viele verschiedene Bereiche, Ablagen, Archive. Den ersten Eindruck den du erhälst, sei es auf optischer Basis oder den ersten Worten, realisiert dein Gehirn wahnsinnig schnell und durchforstet alle verfügbaren Elemente um diesen Menschen irgendwo hineinzustecken. Punkt.

Aber was ist denn wenn das die völlig falsche Kartei war? Wenn du zu vorschnell geurteilt hast? Ja, dann ist es oftmals schon zu spät. Für den ersten Eindruck gibt es meistens keine zweite Chance.

Wir sind an Vorurteile gewöhnt. Frauen können nicht einparken und Männer nicht gut zuhören. Angeblich. Weil das mal irgendjemand erfunden hat, der meinte er würde in jeden Kopf hineinsehen können. Wir ordnen Menschen anhand so vielen Dingen irgendwo ab. Name, Beruf, Aussehen. Wir geben ihnen bestimmte Eigenschaften. Intelligent oder ungebildet, Sportler oder Zocker, Familienmensch oder Fremdgeher. Schublade auf, Mensch rein, Schublade zu.

Wir machen uns eigene Bilder über die Personen, denen wir täglich begegnen. Das ist ja auch ok und das ist auch menschlich. Dennoch sollte man mit seinen Vorurteilen vorsichtig sein. Manchmal verspielen wir dadurch eine Chance einen tollen Menschen kennen zu lernen, den wir anhand bestimmter Merkmale in ein freies Schubladenfach gesteckt hast. Oftmals hat man mehr gemeinsam als man anfangs denkt. Das können Hobbys sein, Interessen oder Erlebtes. 

Wir müssen Schubladen auch mal ausmisten. Frühjahrsputz machen. Wir sollten alle Karteien durchgehen und die Menschen wieder ohne Stempel in die Welt schicken. Wir müssen anfangen die Kategorien aufzulösen oder zu differenzieren. Und vorallem müssen wir Menschenkenntnis und Schubladendenken voneinander trennen.