Die Sucht nach Reichweite und Followerzahlen

[Werbung, da verschiedene Nennungen]

Ich stehe am Bahnsteig. Wie jeden Abend. Suche minutenlang mein Handy in der viel zu großen Tasche. Versuche die Wartezeit totzuschlagen und starte meine Lieblingsapp. Glaube ich. Ich weiß nicht ob sie das noch ist. Noch sein kann. Ich scrolle durch den Feed, lasse ein paar Herzen da. Kommentiere. Mache das was hier alle machen. Mit Doppeltipp auf das Display zeige ich Beachtung. 3.450 Menschen gefällt das. Sagt die Statistik. Irgendwie fühlt sich das aber nicht mehr richtig an. Eigentlich tut es das schon lange nicht mehr, gestehe ich mir ein. Ein Schamgefühl macht sich breit. Meine Backen werden rot, ich werde unruhig und ich fange an mich für meine Umwelt zu schämen. Wo sind wir hier nur gelandet. Gefangen in einer riesigen Blase auf der Suche nach Bestätigung. Nach Reichweite.

Egal in welche Richtung ich blicke – überall lauern die Fitnessqueens, Fashionvictims, Lifestyle- and Interior Girls. Und wo genau ging es jetzt nochmal zu den wahren Bloggern? Ich meine die, die wirklich Mehrwert anbieten? Die, die Emotionen rüberbringen und bei deren Geschichten du dich fühlst, als wärst du selbst dabei gewesen. Follower kann man kaufen – Content musst du liefern. Content is king. So heißt es doch. Und dazu zählt nicht die Vorstellung deiner neuen Mascara.

Ich kann das ehrlich nicht mehr sehen. Das Zahnpasta-Lächeln auf jedem Bild. Aufgehellt durch Facetune. Um danach in den Kommentaren zu diskutieren, dass das die natürliche Nuance ist. Farblich abgestimmte Outfits mit den vielen glitzernden Accessoires werden abgelichtet am Rande der schönsten Location der Stadt. Für die du dich extra 2 Stunden auf den Weg gemacht hat. Und sobald das Foto im Kasten ist wandert der Look in die Tonne. Und von der Stadt, der Landschaft, haben Sie nichts gesehen. Obwohl das doch so viel mehr bedeutet. Unsere Natur. Unsere Welt.

„Das hattest du jetzt schon einmal an – da muss was Neues her“, sagt sie mit gerümpfter Nase.

„Ja das stimmt. Ich verkauf es auf meinem separaten Kanal. Irgendeine Followerin wird das sicher kaufen. Ich hab es ja schließlich selbst getragen.“

Sie fühlen sich wie Weltstars, bei denen man 2 Wochen vor Ticketverkauf schon an der Schlange gecampt hat. Mit viel Tee im Gepäck bei eisigen Temperaturen. Das Traurige an dieser Sache ist: Sie werden tatsächlich gefeiert wie Popstars. Es gibt Autogrammkarten, überteuerte ‚Meet&Greets‘ bei denen man die Influencer treffen und sogar ein Foto machen darf. Einen eigenen Merch, in denen selbstverständlich der selbst entworfene Hoodie für 80 € den Kindern angepriesen wird.

Ich habe früher immer gerne zugesehen. Habe mich stundenlang durch die unterschiedlichsten Feeds gescrollt, konnte kaum genug kriegen von so viel Perfektion in jedem einzelnen Bild. Die Menschen haben mich inspiriert und interessiert. Doch inzwischen widert mich diese Entwicklung an. Für mich stellt sich das alles als große, neue Sekte dar. Den Drang nach mehr! Herausstechen wolltet ihr – weil ja jeder so einzigartig ist. Doch wer ist noch einzigartig wenn alle dasselbe tun? In welcher der vielen Markentaschen ist der Charakter, das wahre Ich, verlorengegangen? Wo sind eure wahren Gesichter geblieben? Ohne Sponsoring.

Verrückt. Und unaufhaltsam. Denn so funktioniert das eben. Kleine Mädchen spielen nicht mehr mit Puppen und flechten sich keine Zöpfe. Sie zücken ihre Smartphones, teilen sich die Kopfhörer und checken euer neuestes MakeUp-Tutorial. Absurd. Wo sind die Kinder von damals? Als es noch das größte war Sandkuchen zu bauen und auf der Schaukel über der Erde zu schweben. Schwerelos. Zu träumen von einem tollen Job als Tierärztin oder Feuerwehrmann. Wir haben Süderhof und die Pfefferkörner angeschaut. Heute möchten alle Kinder Youtuber werden. Influencer. Weil euer Leben scheinbar nur aus Zuckerwatte und Karamellbonbons besteht. Angeblich. Die Maske drauflassen damit nichts bröckelt. Schön den Schein wahren von einem perfekten Leben. Bis die Fassade eines Tages zerfällt.

Und so verstreicht Tag für Tag mein Interesse an der socialmedia-Welt. Meine Ablehnung für dieses widerliche Konstrukt wächst. Dieses Netz, dass mal so klein war und sich jeden Tag vermehrt. Wie sich die Fäden immer mehr in alle Richtungen verflechten. Ich ertappe mich dabei wie ich beginne wegzuklicken. Eure Storys überspringe. Ich klicke weiter. Klick. Immer und immer wieder. Weil sich euer Leben nur noch wiederholt. Jeder Clip. Stop. Repeat. Stop. Repeat. Ich möchte nicht bei jedem Account die selbe Mode sehen, die sich kein Normalverbraucher leisten kann. Auch nicht mit Rabattcode. Ich möchte keine ‚Wake-up-morning-routine‘ mit Kokos-Body-Scrub – denn ich weiß wie ich mich morgens fertig machen muss um mich wohl zu fühlen. Ich möchte kein Unboxing eurer GOODIEBAGS und verdammt nochmal möchte ich erst recht keinen Detox-Tee!

Wahrhaftig und authentisch. Das kriegen wir alle ständig zu hören. Alle sind so unglaublich busy und wissen nicht wie sie ihre Termine planen sollen. Shoppen, Maniküre, Friseurbesuch, das ein oder andere Shooting für die Werbetrommel. Gewinnt dies, gewinnt das. Bullshit. Hattet ihr jemals einen 40-Stunden Job? Dann wisst ihr dass all‘ diese Dinge zur Freizeit gehören. Zeit, die sich jeder Arbeitnehmer separat nehmen muss. Also hört auf rumzujammern.

Ich habe nachgedacht. Bei all‘ der Masse an „Personen der Öffentlichkeit“ fallen mir exakt zwei Mädels ein, die für mich nach wie vor authentisch sind. In denen ich mich wiederfinde. Die ihr Leben mit der Öffentlichkeit teilen aber sich nicht selbst verloren haben. Die sich nicht dem Fraß hergeben. Und die sich verdammt nochmal ihre eigene Meinung nicht verbiegen lassen.

Es werden Locations empfohlen. Und alle reisen wie wild hinterher. Wollen selbst nichts Neues entdecken. Keine Abenteuer erleben. Bloß keinen Fußabdruck hinterlassen.

„Oh Sweetie, in Paris gibt es diese eine Straße zwischen dieser man den Eifelturm sieht. Wir müssen dort unbedingt ein Foto machen! Das hat momentan jeder auf seiner Page. Es ist so in! Damit erreiche ich bestimmt meine 30k“

„Lass uns zu starbucks gehen dann können wir mit dem hippen Becher ein super cooles Bild machen.“

„Festival? Ich hasse Festivals. Aber ich muss unbedingt zum Burning-Man! Da kann man so coole Bilder in der Wüste machen.“

Merkt ihr noch wer ihr seid? Merkt ihr nicht wie ihr euch verbiegt? Irgendwie gerät das alles aus den Bahnen. Entgleist. Wo sind die geliebten Popstars hin von früher? Britney Spears, die Backstreet Boys. Heute sind es ‚Influencer‘ – allein der Erfinder dieser Bezeichnung verdient die goldene Himbeere. Aber es ist die Wahrheit. Ihr beeinflusst die Jugend von heute. Ihr vermittelt völlig falsche Werte! Ist es etwa normal das neueste Handy zu besitzen? Ist es normal, dass 10-jährige Mädels mit Crop-Tops und Markenkleidung herumlaufen? Ist es normal, seinen Mitmenschen weiß machen zu wollen die Followerzahlen bedeuten irgendetwas im Leben? Wer gibt überhaupt jemanden das Recht über eine Zahl der Follower zu bewerten?

Es ist traurig. Früher da habe ich andere Blogs so gerne gelesen. Es war nicht mainstream, keine Werbefläche. Heute siehst du überall nur Kopien. Ein Mensch gleicht dem anderen weil sie alle dasselbe tun. Vielleicht wird es eines Tages kein Instagram mehr geben. Vielleicht macht der Laden einfach dicht. Was passiert dann mit euch allen? Gestrandet am Straßenrand. Womöglich kommt ihr danach wieder im realen Leben an. Und tief im Inneren wünsche ich mir das irgendwie. Wenn man sich nur noch den ganzen Tag mit seiner Reichweite beschäftigt, die das böse Instagram einschränkt, dann hat man wirklich seinen Lebensinhalt verloren.

[Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Die Mehrheit überwiegt hier allerdings meiner Meinung nach.]