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Das Mädchen das mein Herz gewann

Es klingelt. Endlich. Nach 6 Wochen Abstinenz kommt sie endlich zurück. Zurück in mein Leben und in meiner Welt. So ging das jedes Jahr. Während meine beste Freundin mich im Sommer nicht in ihr Gepäck packte und ich aus Vernunft auch nicht in deren Anhänger stieg, blieb ich wohl oder übel auf der Strecke. Oder eben auch nicht.

Dieses Spiel ging 20 Jahre so. Seit dem Kindergarten. Immer wieder. Sobald das Klingeln den Unterricht beendete und jeder seinen hölzernen Stuhl auf den Tisch gehievt hatte war es amtlich. ‚Ding – dong‘ und plötzlich rennen unzählige Kinder durch die Flure und fingen an laut zu schreien. Spätestens da war mir klar – die Sommerferien haben begonnen. Und ja, das war ja auch okay. Irgendwie. Sie konnte ja auch nichts dafür. Irgendwie.

Ich lief also im Gegensatz zu meinen Mitschülern eher schleppend nach Hause, habe nur wenige Bissen von dem Mittagessen zu mir genommen und bin rüber zu meiner Freundin. Da wir quasi Haus an Haus wohnten war das der einzige Lichtblick an diesem Tag. Oder auch nicht. Denn dieser riesige Kastanienbaum, der übrigens einen ganz besonderen Platz in unserem Leben und einen noch viel spezielleren Namen hat, versperrte uns ein wenig die Sicht. Wie auch immer. Wir tauschten noch schnell unser Ringbuch, das stets mit den wichtigsten Infos geflutet wurde, und dann hieß es Abschied nehmen auf Zeit. Sie fuhren los.

Ich blieb in meinem Sommerkleidchen in dem großen Hof zurück. Neben mir nur unzählige graue trostlose Garagen und dann das rosane Haus, das irgendwie doch alles ein wenig erträglicher machte. Jahr für Jahr stand ich immer wieder da und habe gewunken. Gehofft, dass sie bald wieder da ist. An Tag 1 war mir demnach auch gar nicht mehr zu spaßen zumute. Meine Mama versuchte mich aufzumuntern aber ich blockte ab. Einmal. Zweimal. Die einzigen die ich in diesen Momenten sehen wollte waren meine Tiere. Ihnen konnte ich immer alles erzählen. Sie gaben mir zwar keine Antwort aber dafür auch kein Kontra. Sie waren einfach da.

Ab dem zweiten Tag raffte ich mich auf. Ich musste. Was blieb mir anderes übrig? Jeden Tag Trübsal blasen? 6 lange Wochen? Das war und ist nicht meine Art. Das konnte ich weder mir noch meinen Mitmenschen antun. Also beschäftigte ich mich. Mit 8 Jahren habe ich Barbie dazu verdonnert Ken zu heiraten. Mit 12 Jahren unternahm ich mehr mit anderen Freundinnen. Oder zog mich zurück. Spielte SIMS und entfloh für eine kurze Zeit der Außenwelt um mir eine neue zu schaffen. Mit 16 fing ich dann an feiern zu gehen. Lernte neue Leute kennen. Und das ein oder andere Bier.

Mit dem Alter fing ich an mich an unsere wochenlange Auszeit zu gewöhnen. Ich hatte mein eigenes Leben. Hobbys. Freunde. Umso älter ich wurde desto weniger schlimm wurde es. Vermisst habe ich sie immer. Aber es war ok. Denn sie konnte ja nichts dafür. Irgendwie. Umso mehr Jahre verstrichen, desto einfacher war es auch damit klarzukommen. Denn: Früher lief das alles anders. Eine kurze Message in WhatsApp, anrufen über Skype, Sprachnachrichten und Bilder senden – vor 20 Jahren unmöglich. Endlose Telefonate waren tabu. Eigentlich. Aber wir hatten keine Ahnung von Kosten.

„Wähl doch die Günstigvorwahl – da kostet eine Minute nur 0,53 Pfennig“

„Denkst du das geht auch ins Ausland?“

„Na klar“ – erwiderte sie – „So können wir jeden Abend telefonieren ohne dass es zu teuer wird.“

So lief das dann auch. Ich saß also jeden Abend in unserem ewig langen Flur auf dem bequemsten Sessel der Welt und tratschte los. Das war mit Vorsicht zu genießen, aber aufregend. Denn es gab damals keinen Rückzugsort um wild drauf los zu reden ohne dass versehentlich jemand mithört. Das komplette Gerät hing an der Steckdose und das Kabel reichte keine 2 Meter. Wir quatschten, lachten und regten uns gemeinsam über den neuesten Tratsch auf.

„Das ist nicht dein Ernst? Was will er den bitte mit DER? Die passt ja mal gar nicht zu ihm.“ prustet sie nur so heraus. Während ich mich vor Lachen nicht mehr einkriegen konnte und dadurch inzwischen auf dem Boden lag, fing sie an mich mit Fragen zu durchlöchern. Denn ich saß ja an der Quelle. Und Madame war meilenweit entfernt. So ging das stundenlang. Ob ich jemals Ärger wegen der Telefonrechnung bekommen habe? Ich glaube nicht. Ich kann mich zumindest nicht erinnern. Entweder die Vorwahl hat seinen Zweck erfüllt oder ich habe meine liebste Mama in den Wahnsinn getrieben, dass sie mir das nicht verwehren konnte.

Seit ein paar Jahren gibt es keinen regelmäßigen Abschied mehr. Mittlerweile wohnen wir sogar in anderen Städten. Beruflich. Privat. Wie das eben so ist mit dem Erwachsen werden. Wir sehen uns nicht mehr täglich. Ein paar Mal im Jahr vielleicht. Auch telefonieren wir nicht mehr stundenlang. Es macht keinen Unterschied ob uns 200 Schritte oder 4000 Kilometer trennen. Denn ich weiß: Wenn es drauf ankommt geht sie mit mir durchs Feuer.

Ich könnte mir niemals vorstellen dich nicht an meiner Seite zu haben. Unsere peinlichsten Fotos, die walk of shames. Wir kennen unsere pikantesten Details. Den ersten Liebeskummer, schlechte Noten – wir haben alles überstanden. Zusammen. Und wenn ich dich um 03:48 anrufe hörst du mir zu. Wir können die ganze Nacht quatschen – obwohl wir doch schon alles voneinander wissen. Wir wünschen uns alle diese eine Freundschaft. Seelenverwandte.

Auf die nächsten 23 Jahre my dear – cheers!

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