Bist du mein Match?

Als ich mir gerade meinen Baileys coffee an der Theke dieses kleinen irischen Pubs bestellt hatte fiel mir besonders das Mädchen in der Ecke auf. Sie war vielleicht gerade 18, braun gelocktes Haar und ein zauberhaftes Lächeln. Vielleicht Britin. Ich nahm meinen Kaffee in die rechte, mein Notebook in die linke Hand und setzte mich an einen der freien Plätze. Es waren nicht die schönsten Stühle, aber es hatte Charme. Auf wen sie wohl wartet frage ich mich und erwische mich selbst dabei wie ich im Sekundentakt zu ihr rüber schiele. Die Minuten verstrichen. Der Kakao auf meinem Schaum fängt bereits an sich abzusetzen. Und dann steht er da. Mitten im Türrahmen. Er sieht nett aus. Kein Muskelprotz, kein Adonis. Elegant und sehr sympathisch. Ob der wohl alleine hier ist? Gerade will ich mich aus meiner Verankerung reißen als im selben Moment das Mädchen aufsteht und ihn begrüßt. Schnell setze ich mich wieder hin ohne aufzufallen und hoffe dass mich niemand dabei erwischt hat. Sie scheinen sich nicht zu kennen. Nicht wirklich. Die Röte steigt beiden in die Wangen. Ihr erstes Date denke ich. Sie steuern zurück an den Tisch und ordern eine Flasche Wein. Ich vermute einen weißen. Die Gefahr von Rotweinflecken auf dem weißen Kleid ist zu hoch.

Ich kann mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren, dabei ist bald Abgabetermin. Aber es ist zu aufregend. Nicht gerade die feine englische Art den Beobachter zu spielen. Trotzdem. Ich kann es mir nicht verkneifen. Ich schlürfe an meinem Kaffee, der inzwischen nur noch Zimmertemperatur hat und nehme mir einen Keks. Fange an zu analysieren. Mir meine eigene Geschichte zusammen zu spinnen. Wo könnten sich die beiden kennengelernt haben? Er hat eine eher zierliche Statur. Sport fällt da wohl raus. Vielleicht von der Schule. Oder einem Studium. Sie könnte Bibliothekswesen studieren und als Aushilfe in einem Tierheim arbeiten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit meiner Beobachtungskünste vibriert ihr Handy. Sie sieht kurz hin und dreht es dann eilig um.

„Tut mir leid – ich hatte mich dort eigentlich schon wieder abmelden wollen.
Du warst der einzige der mich tatsächlich geflasht hat in unserem Match.“

Mir fällt der Löffel aus der Hand. Klappert an der Untertasse vorbei und bleibt liegen. Möglich unauffällig versuche ich mich wegzudrehen. Meine Fantasie verschwindet so schnell wie sie gekommen ist. Verdammt – ich habe so gehofft die beiden hätten sich durch irgendeinen dummen Zufall kennengelernt. So einen, den man seinen Enkeln noch in 50 Jahren erzählen möchte. Ich schwebe in Nostalagie.

Tinder. Sie haben sich über Tinder kennengelernt. Ok. Ich weiß was das ist – ja. Aber ich habe es nie genutzt. Gott sei Dank höre ich leise vor mich hin flüstern. Ich möchte meinen zukünftigen Mann nicht nach rechts swipen. Seine Bilder liken und darauf hoffen, dass wir in Kontakt geraten. Ich möchte nicht eine von vielen sein, die ein ‚Match‘ hat. Wo ist die Zeit geblieben an dem eine Frau von zuhause abgeholt wurde. Man ging aus. Lecker essen oder einen Spaziergang im Park. Fütterte Enten oder besuchte einen Jahrmarkt. Vielleicht gab es den ein oder anderen Abschiedskuss. Vor der Haustür. In gewohnter Umgebung. Und doch ist es neu. Neu besonders.

Diese Zeiten sind vorbei. Geschichte. Heute definiert sich alles um das Aussehen. Um ein Match in einer App. In einer Plattform, bei der alle gleich aussehen und versuchen sich irgendwie von den anderen abzuheben. Traurig, wie ich finde. Es ist Vergangenheit sich auf altmodischen Wegen kennenzulernen. Angesprochen zu werden in einer Bar. Im Theater. Ja vielleicht sogar im Wartezimmer des Hausarztes. Das sind Liebesgeschichten die wir hören wollen. Für die wir Geld bezahlen um sie in einem Roman zu finden. Um zu hoffen, dass sich die Welt eines Tages wieder in die alte Richtung dreht. Mit weniger Egoismus. Weniger Oberflächlichkeit. Weniger Neid.