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Auf hoher See

Es war inzwischen das 9. Mal. Aber dieses Mal war es anders. Etwas ganz Besonderes. In den acht Malen davor hast du gefehlt. Ich kannte dich nicht. Wir beide kannten uns nicht. Mit dir einen Teil der Welt zu umsegeln – Das war atemberaubend. Seit ich klein war bin ich diesen Weg schon gegangen. Damals, als die Schiffe noch Schiffchen waren. Damals, als ich gerade einmal über die unterste Reling schauen konnte. Das war immer schon unser Ding. Steuerbord, Backbord und einen Blick in die Ferne. Weit und breit nichts zu sehen außer das Meer, dass sich unter der Spur des Schiffes in Schaum verwandelt und meine Sinne schon immer faszinierte. Familie auf hoher See.

Manchmal habe ich die anderen beneidet. Sie erzählten von riesigen Sandburgen, dem glasklaren Wasser. Wellen, die größer waren als sie selbst. So ging das jeden Sommer. Jedes Jahr. Aber eins habe ich am allermeisten vermisst. Meine zwei besten Freundinnen, von denen ich mich 6 Wochen verabschieden musste. Wieso konnten wir denn nicht auch im Sommer verreisen? Wieso konnte ich denn keine Sandburgen bauen und Muscheln suchen, bei denen man die Tiefe des Meeres hören soll? Die Antwort war simpel. Das war nicht unser Ding. Meistens.

Mit jedem Jahr das verging und sich das selbe Spektakel abspielte, wurde ich reifer. Lebte bewusster. Genoss es um die Welt zu schippern. In meinen 26 Jahren kann ich sagen, dass ich unglaublich glücklich bin. Könnte ich mich heute bewusst dafür oder dagegen entscheiden, ich würde es genauso wieder tun.
Wer kann in den jungen Jahren, ich war gerade 13, schon sagen, dass er mit einem schwarzen Pferd durch die ägyptische Wüste galoppiert ist. Meine Schwester und ich, völlig furchtlos, lieferten uns ein Wettrennen durch die Dünen.
Wer kann behaupten, dass er schon 9 Rettungsübungen in seinem Leben geprobt hat ohne einmal unterzugehen?
Und wer kann behaupten er habe das legendäre Captains Dinner mit der ‘Traumschiff-Musik’ schon etliche Male durchlebt.

Im Nachhinein bin ich einfach glücklich. Ich bin gewachsen. Wie die Schiffe. Wir werden alle größer, reifer.
Beim 9. Mal hatte ich dich im Gepäck. Mit dir diese Leidenschaft zu teilen war großartig. Zusammen Länder entdecken. Neues erleben. Fühlen.
Wir lagen zwar nicht am Strand und tranken aus keiner Kokosnuss, aber dafür umsegelten wir das Mittelmeer.
Wir übernachteten in keinem Appartement mit eigenem Pool, nein, wir schliefen in unserer kleinen Kabine. Durch das Bullauge beobachteten wir die bunten Fische. Besser als jeder Fernseher es je übertragen könnte.
Jeden Abend schmissen wir uns in die schönste Garderobe und gingen in eines der Restaurants auf Deck 4. Zum Valentinstag gab es Rosen für die Frauen. Und ein rosanes Stück Kuchen.
Unsere tägliche Bordzeitung klärte uns über die Ausflüge und Freizeitbeschäftigung, die geboten wird, auf. Und wenn wir abends nach dem 5-Gänge Menü noch etwas unternehmen wollten gingen wir ins Theater und applaudierten den großartigen Talenten zu. Gesang, Tanz, Akrobatik.

Wir laufen abends nicht durch den warmen Sand. Wir drehen unsere Runde im Mondschein einmal rund um das ganze Schiff. Immer etwas zu entdecken. Mit dir. Und wenn wir an Land sind bestaunen wir die Architektur der Häuser, die Atmosphäre der Stadt, das Ambiente in den Gassen. Und uns.


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